Free Solo – National Geographic

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Die Kamera fährt über eine Klippe. Es geht 1000 Meter in die Tiefe. Wir hören ein leichtes Stöhnen aus dem Hintergrund. Plötzlich kommt ein Mann ins Bild. Schwarze Haare, schwarze Hose, rotes Shirt, gelber Chalk Bag. Er klettert die Wand langsam, aber stetig hinauf mit einer Ruhe und Überlegtheit, die in sich eine fesselnde Eleganz hat. Wir wundern uns, irgendetwas stimmt nicht, es fehlt etwas. Richtig! Der Mann klettert ohne Seil!

So beginnt der Dokumentarfilm Free Solo von National Geographic, ein Film über die Besteigung von El Capitan im Yosemity Nationalpark in Kalifornien durch Alex Honnold im Jahre 2017. Er ist der vielleicht bekannteste Film über das Klettern und hat zurecht 2019 einen Oskar gewonnen.

Ich habe schon in der Vergangenheit über Bücher geschrieben, in denen Alex Honnold eine wichtige Rolle spielte. Aber mit diesem Film hat für mich alles angefangen.

Ich habe zuvor nie einen Film im Kino gesehen, der mich so mitgerissen hat. Bis heute behaupte ich auch, dass er nur zu ertragen war, weil ich die Geschichte schon kannte und wusste, dass Alex bei dem Unterfangen erfolgreich war und nicht gefallen ist.

Zum Inhalt von Free Solo

Nach der oben beschrieben ersten Szene, die sowohl eine Vorausschau auf das Ende ist und auch sofort einen dramatischen Höhepunkt setzt, geht es zunächst beschaulich weiter.

Alex Honnold wird gezeigt in seinem normalen Leben. Dies beinhaltet Presse Termine, Vorträge an Schulen und Buchlesungen. Es ist das Leben eines Extremsportlers.

In einem Sport, in dem es keine Preisgelder gibt, sind die, die ihn betreiben auf Sponsoren, bezahlte Vorträge und den Verkauf von Medien, wie Bücher oder Artikel in Magazinen angewiesen. Alex ist als einer der berühmtesten Kletterer unserer Zeit sicher privilegiert.

Er nutzt seine Berühmtheit und einen nicht unerheblichen Teil seines Einkommens dazu, seine Honnold Stiftung zu finanzieren. Auch das thematisiert der Film.

Natürlich geht es aber auch um Klettern, insbesondere der Planung und Vorbereitung der Free Solo Begehung. Ein wichtiger Partner dabei ist Tommy Caldwell. Die Saison wird zunächst mit einem Trainingslager in Taghia in Marocco eröffnet. Danach macht sich das Team auf in den Yosemite Nationalpark, wo die Route Freerider Stück für Stück erarbeitet und für die Free Solo Begehung optimiert wird.

"Flowing through the montains in the ways you do with Alex is addicting. His additude towards risk makes you feel kind of invincible."

Tommy Caldwell, Free Solo

Der Film bringt gut rüber, dass so ein Unterfangen nicht mal eben so gestartet wird. Alex hat sich seine ganze Kletterkariere darauf vorbereitet und in den letzten zwei Jahren ist praktisch alles darauf ausgerichtet. Dazu gehören morgendlichen Dehnübungen, die er über Jahre praktiziert, um an einer Stelle der Route einen Spagat sauber hin zu bekommen.

Die Gefahren des Free Soloings an sich werden natürlich intensiv diskutiert. Da sind die Ängste der Filmmacher, Alex Sturz in den Tod zu filmen, vielleicht durch Unachtsamkeit bei den Dreharbeiten sogar selbst daran schuld zu sein. Ein sehr bemerkenswertes Interview mit Tommy Caldwell, der Free Solo selbst niemals betreiben würde, obwohl er zu den besten Kletterern der Welt gehört.

Ein wichtiger Anteil am Film hat dann noch die sich im Laufe der zweijährigen Dreharbeiten entwickelnden Beziehung zu Sanni McCandless. Hier zeigen die Filmmacher Alex von seiner privaten Seite. Das macht Freude zuzusehen. Jemand mit seinem Beruf ist schon etwas exzentrisch, um es höflich zu formulieren. Das wirkt auf eine gewisse Art aber auch herrlich erfrischend.

Dass das Paar die Filmcrew so in ihr Leben gelassen hat, ist bemerkenswert. Wie angemessen die Produzentin Elizabeth Chai Vasarhelyi mit der Situation umgeht, ist sicher auch ein Grund warum der Film einen Oskar bekommen hat, natürlich neben den spektakulären Kletteraufnahmen ihres Mannes Jimmy Chin. Nie wirkt es künstlich oder noch schlimmer, wie eine aufgedrehte Reality-Show.

Gelungen ist dabei auch, dass Jimys Filmcrew nicht unsichtbar ist. Sie wird selbst bei ihrer Arbeit gefilmt und Alex beschreibt ihre Arbeit. Eine wechselseitige Beziehung also, wo Filmcrew und Hauptprotagonist die Rollen tauschen. Ein netter Kniff, der den Film bereichert.

Es gibt auch Drama. Alex hat in der Vorbereitungsphase zwei Kletterunfälle. Und wenn das nicht schon schlechtes Omen genug wäre, scheitert dann auch noch der erste Versuch. Er bekommt in der Wand Zweifel und muss umkehren.

Er und sein Team müssen ein Jahr warten für den zweiten Versuch. Dieser ist dann auch der krönende Abschluss des Films und was für einer!

Mein Fazit

Free Solo ist mein Lieblings Dokumentarfilm. Er handelt nicht nur von der beeindruckendsten sportlichen Leistung unserer Zeit, sondern ist auch technisch sehr gut gemacht. Das Filmteam hat sich und Alex hier ein Denkmal gesetzt und wird der sportlichen Leistung gerecht.

Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass der Film im Fernsehen nicht die Dramatik entfalten kann, die ich seinerzeit im Kino empfunden habe.

Alles in allem eine echte Empfehlung! Den Film gibt es einzeln zu kaufen, er ist aber auch im Disney+ Abo enthalten.

Mein Tipp: beim ersten Mal den größten Fernseher suchen, den man im Freundeskreis auftreiben kann.